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Irgendwie dumm. Zum 15. Geburtstag des Maganzins »Dummy«

Posted: Dezember 4th, 2018 | Author: | Filed under: Aufsatz, Rezension | Tags: , , , , | Kommentare deaktiviert für Irgendwie dumm. Zum 15. Geburtstag des Maganzins »Dummy«

Was haben Juden, Muslime, Türken, Schwarze, Alte, Schwule und Deutschland gemeinsam? Sie alle waren schon einmal Thema einer Ausgabe des Dummy-Magazins. Heiße Eisen will man da anfassen, aber unverkrampft und urban. Irgendwie auf der richtigen Seite stehen, aber sich nicht stressen lassen von politischer Korrektheit und linker Besserwisserei. Im Jubiläumsheft geht es um »Dummheit«. Damit knüpft man an frühere Hefte über »Behinderte« und »Idioten« an, aber auch die Dauerbrenner Frauen und Minderheiten finden gebührenden Raum – als Gegenstand versteht sich. Das Heft darf also als repräsentativ gelten. Kennt man eins, kennt man alle. Und das gilt nicht nur für die Hefte, sondern auch für die Artikel. Das Dummy-Schema lässt sich auf jedes vorgeblich heikle Thema anwenden. Man nehme irgendeine ungewöhnliche Begebenheit, irgendeine spektakuläre Geschichte, walze sie ein bisschen aus und biete immer nur eine Erklärung an: individuelle Dummheit.

Da ignoriert jemand seine Krebsdiagnose, macht kein Testament und stürzt so Lebensgefährtin und Kinder in Chaos und Armut? Schön dumm. Da behandelt jemand seine Depressionen mit Alkohol und muss wegen eines Gelegenheitsdiebstahls ins Gefängnis? Schön dumm. Im 19. Jahrhundert starben Frauen wie die Fliegen am »Kindbettfieber«? Schön dumm von den Ärzten, dass sie nichts von Desinfektion wussten und nicht auf den jungen Ignaz Semmelweis hörten, der es ihnen erklären wollte. So ist das halt und war es schon immer. Die Masse ist zu dumm und zu eitel um das Genie der »tragischen Einzelkämpfer« zu erkennen. Man könnte den Grund des Debakels auch in der rein männlichen Ärzteschaft vermuten, die mit ihren grotesken Vorstellungen davon, was Geburt, Mutterschaft, Frauen sind, über deren Körper verfügten. Die Autorin erwägt das nicht.
Mit größeren, gar strukturellen, Zusammenhängen hält man sich nirgends auf. Beginnt ein Artikel mit dem Skandal des globalen »War on Drugs«, wird nach drei Zeilen davon abgelenkt. Die Fronten dieses Krieges verlaufen nämlich »nicht nur im fernen Mexiko oder im Hindukusch. Sie verlaufen quer durch die Gesellschaften des Westens. Marvin Schmidt, 23, wird den Abend nie vergessen, als er ins Fadenkreuz geriet und unter Beschuss genommen wurde.« Also metaphorisch jetzt. Das heißt, ihm wird der Führerschein weggenommen, weil er mal gekifft hat. Wenn unbescholtene deutsche Bürger (ergo Autofahrer) vom Staat abgezockt werden, dann ist das schon ungefähr so schlimm wie Mord, Folter und massenhafte Inhaftierung. Stattdessen, so der Vorschlag, sollte man sich mal die Rentner vorknöpfen. »Aber diese Gruppe darf noch dement hinters Steuer, weil sie einfach eine zu relevante Wählergruppe ist.« Nicht nur die Dummy-Kernkompetenz im Bereich mentaler Erkrankungen ist damit ein weiteres Mal unter Beweis gestellt; ebenso umsichtig wird das Geschehen historisch kontextualisiert: »Das ist Dreißigerjahre!« sagt der Anwalt und der Autor stimmt zu: Der Betroffene »weiß jetzt, was von diesem Staat zu halten ist.«

Wenn sich die Erklärungsversuche auf dem Niveau von Reichsbürger-Geraune halten, dann doch lieber nur die Story. So zum Beispiel: Eine junge Frau spielt der New Yorker High Society vor, eine von ihnen zu sein. Kein Artikel im Heft ist so lang wie dieser, der Inhalt so schnell zusammengefasst wie immer. Schön dumm von den Amis, sich so verarschen zu lassen, aber so sind sie halt: irgendwie oberflächlich, irgendwie vom Schein des Geldes verblendet, irgendwie dumm. Überhaupt, die »Amis« (mit abwertenden Kollektivbezeichnungen wird nicht gespart, man will ja nicht politisch korrekt sein). Die haben, wie man hierzulande weiß, »einen Knall«. So die Überschrift zu einer Fotostrecke vom »Machine Gun Shoot Festival«. Für einen politisch unkorrekten Gag in der Überschrift geht man in der Dummy-Redaktion über Leichen. »Sinti jetzt völlig bekloppt?« steht über einem Artikel, in dem darüber berichtet wird, dass Kinder von Roma in Tschechien systematisch auf Sonderschulen geschickt werden. Deutlicher kann man nicht sagen, dass einem der Inhalt der eigenen Texte egal ist. Die Roma in Tschechien sind keine Sinti. Kinder auf Sonderschulen sind nicht »bekloppt«. Die Abwertung von Menschen mit psychischen Erkrankungen zieht sich durch das ganze Heft und bildet dessen Klammer. Am Ende stehen einige Artikel in einfacher Sprache zusammengefasst, jedoch mit einer Überschrift, die die »Leser aus dem Internet« adressiert, von denen man im Editorial lesen konnte, dass sie unter »einer digital verstärkten Schrumpfung kognitiver Fähigkeiten« leiden. Wer nicht versteht, wie diese Verharmlosung psychischer Leiden den darüber herrschenden Vorurteilen zuarbeitet oder dass man nicht über die Diskriminierung einer Gruppe durch deren Etikettierung als »mental retardiert« schreiben kann ohne ein Wort über die grundsätzliche Problematik dieser Diagnose zu verlieren, ist vielleicht zu dumm, um Journalist zu sein.

A propos, auch dazu gibt es einen Artikel im Heft. Dumm müsse man sein, Journalistin zu werden: viel Arbeit, wenig Geld, Gewaltandrohungen in Leserbriefen. So weit, so richtig, so bekannt. Weil offenbar noch Zeichen fehlten, folgen ein paar Absätze, in denen der ehemalige UN-Hochkommissar für Menschenrechte Seid al-Hussein zitiert wird. Der hat mit dem Thema zu tun, weil er auch mal was gegen Trumps Angriffe auf die Presse gesagt hat. Der abrupte Schwenk erlaubt es, das Thema in die ganz großen Zusammenhänge einzuordnen. Immer mehr Journalist*innen gäben auf, wegen der prekären und häufig gefährlichen Arbeitsbedingungen. Und das verbindet sie irgendwie mit dem jordanischen Prinz, der nämlich zurückgetreten ist. Angeblich aus Sorge über Trumps Angriffe auf Minderheiten und Presse, die so etwas ähnliches seien wie die Sache mit den Weltkriegen damals. Die USA sind ja neulich aus dem UN-Menschenrechtsrat ausgetreten, weiß die Autorin und deutet an, dass darüber sicherlich mehr berichtet worden wäre, wenn der Journalismus nicht so bedroht wäre. Sicher ist jedenfalls, dass der Journalismus nicht so schlecht wäre, wenn gelegentlich einmal recherchiert würde. Das hätte ergeben, dass Hussein nicht zurückgetreten ist, sondern sich bloß gegen eine weitere Amtszeit entschieden hat, dass noch kein*e seiner Vorgänger*innen zwei komplette Amtszeiten bestritten hat, dass all das wenig mit Trump zu tun hatte, dass die Institution, der al-Hussein vorstand (OHCHR) nicht der UN-Menschenrechtsrat (UNHRC) ist, aus dem die USA ausgetreten sind, wobei letzterer wiederum ein höchst dubioses Gremium ist, das noch dem mörderischsten Regime einen Raum bietet, um von den eigenen Verbrechen abzulehnen, indem man auf Israel zeigt. Dass die Entscheidung der USA, dabei nicht mehr mitzuspielen, richtig gewesen sein könnte, obwohl Trumps Regierung faschistoid ist, scheint für Dummy schon zu komplex.

Mit Differenzierungen hält man sich nicht auf. Der plakativen Eindeutigkeit zuliebe opfert man nicht nur die Recherche, sondern wagt bisweilen den Aufstand gegen die Logik. So in einem Artikel über – her mit den heiklen Themen – Pornographie. Die zugrundeliegende These, dass sie früher ganz harmlos gewesen sei, wird mit zahlreichen großen Abbildungen aus älteren Pornofilmen als evident suggeriert. Die trotz der irritierenden Idee einer ehemals heilen Welt des Pornos (»irgendwie Woodstock oder so«) dennoch richtige Beobachtung, dass die in den Filmen dargestellte Gewalt ebenso zugenommen hat wie die hinter den Kulissen versteckte, weiß der Autor jedoch nicht anders zu erklären als mit dem Wesen des Mannes. So ist er halt, so war er, so bleibt er. Vom »Neuronalsystem« wird da gemunkelt, von »Erinnerungs- und Belohnungsreflexen, biochemisch-archaischer Fortpflanzungsdynamik«. Viel wäre über den inhaltlichen Unsinn dieses Artikels zu sagen, wäre dessen Argumentation nicht von Beginn an bankrott. Mit ewigen Wahrheiten soll eine Veränderung innerhalb weniger Jahrzehnte erklärt werden. Ohnehin könnte keine Kritik entlarvender sein als das, was dem Autor gegen Ende selbst einfällt: »Und dann sind da ja noch die Frauen und Kinder.«

Immerhin sieht das Heft gut aus. Bei »Dummy« legt man Wert aufs Design und ist stolz, dass die »Art-Direktion« mit jedem Heft wechselt. Nur hilft das dem Inhalt nicht. Möglich wäre das ja, und ein Mal immerhin war man tatsächlich kurz davor, die Form für den Inhalt relevant zu machen. Ein Artikel darüber, »wie die Hybris von Lektoren manchen Welterfolg beinahe verhindert hätte« ist selbst als Manuskript gestaltet; als läge da ein Heft im Heft, übersät mit kritischen Randbemerkungen in Rotstift. Gelungen wäre die Idee, wenn man sie konsequent durchgeführt hätte, wenn sich die Randbemerkungen wirklich auf den Inhalt der jeweiligen Textstelle beziehen würden. Das hätte interessante Möglichkeiten der Selbstdistanzierung und -reflexion eröffnet. Leider wird dieses Wechselspiel von Inhalt und Gestaltung nicht in Gang gebracht; die Anmerkungen bleiben reine Illustration und werden damit so belanglos wie der Text selbst. Eine Anekdote wird an die andere gereiht, es ist immer dasselbe: Später berühmt gewordene Autor*innen haben manchmal unfreundliche Absagen von Lektor*innen bekommen. An die zwanzig Mal wird dieselbe Geschichte mit wechselndem Personal erzählt, stets verbunden mit Deklamationen darüber, wie unglaublich und unverständlich das sei. Wie konnten die nur so dumm sein? Die Erklärungsversuche haben neben ihrer Hilflosigkeit gemein, dass sie mit U anfangen: »Überlastung, Übersättigung oder Unfähigkeit« werden da angeboten, kurz darauf noch »Übermut«. Keine Reflexion über die Kriterien von Literaturkritik. Keine Information über die strukturellen Mechanismen des Verlagsbetriebs. Auch hier nur die heroischen Einzelkämpfer gegen die Dummen.

Wiederholung ist das Prinzip innerhalb der Artikel, Wiederholung ist das Prinzip zwischen den Artikeln. Wiederholung wird in einem eigenen Artikel gelobt. Manchmal braucht man einfach stumpfsinnige und banale Musik, erfährt man da. Scheiß auf Adorno, den es »vor einem Herzinfarkt bewahrt« hat, dass er nicht wusste, auf was für Musik wir abgehen. Dass Adorno an einem Herzinfarkt starb, weiß der Autor nicht, aber was soll man machen, der Mensch wird eben immer dümmer, »der Kopf will halt Pausen im modernen Leben.« Kein treffenderes Fazit für 15 Jahre Dummy-Magazin.

Robert Ziegelmann


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