Ein Rundumschlag. Gegen den Rechtsruck. Für den Umschlag.

Verwischte rote Linien

Posted: November 27th, 2018 | Author: | Filed under: Leser*innenbrief | Tags: , , , , , , | Kommentare deaktiviert für Verwischte rote Linien

Ein Leser*innenbrief an die Zeit:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Friedrich Merz ist ein „Gut-Maaßen“, ein Geschenk für die deutsche Parteienlandschaft, verkündet die Zeit der letzten Woche stolz auf ihrem Titelblatt.

Nun fällt dem Autoren von „Dienen wollen“, Patrick Schwarz, seine Eloge auf die Füße. Der „verdeckte Kanzlerkandidat“ Merz, der nach Wunsch des Autors endlich wieder für Unterscheidbarkeit in der deutschen Parteienlandschaft sorgen sollte, hopste auf einer Regionalkonferenz über die von ihm selbst gezogene rote Linie zwchechischen Union und AfD, indem er öffentlich das Recht auf Asyl in Frage stellte. Natürlich folgte wenig später ein Dementi auf Twitter, Merz‘ Linie aber, ist verwischt. Damit ist auch die von Schwarz konstruierte Trennung zwischen Merz und Maaßen nicht länger haltbar.

Natürlich konnte Schwarz nicht von Merz‘ bevorstehendem Angriff auf das Grundgesetz wissen, trotzdem war sein Kommentar von vornherein blind.

Für Schwarz zeugt beispielsweise Hans-Georg Maaßens Chemnitz Äußerung davon, dass der ehemalige Beamte sich die Welt bloß „zu einfach“ male, „bei der Eskalation, von Chemnitz ging es nicht allein um ein polizeiliches Urteil, sondern eben auch um ein politisches“, erklärt der Autor. In einem Polizeibericht über den Einsatz in Chemnitz heißt es: „100 vermummte Personen (rechts) suchen Ausländer“. Wie kann es sein, dass ein Autor der ZEIT hier nicht davon spricht, dass Maaßen sich die Welt falsch gemalt hat?

Und so ist Schwarz‘ Kritik an Maaßen harmlos, der Autor mag zwar nicht davor zurückschrecken, ihm Ähnlichkeit mit Thilo Sarrazin und Gauland zu bescheinigen, am Ende ist das Problem mit Maaßen für ihn  eine Stilfragen: „Dabei sind es nicht seine Position allein, die ihn diskreditieren, es sind ebenso sehr Haltung und Habitus“. Das wird auch daran ersichtlich, dass Schwarz von Merz als einem Gut-Maaßen fantasiert, als ließen sich Stil und Inhalt von Maaßens Eskalation so einfach trennen und als sei letzteres unproblematisch gewesen. Genau das impliziert Schwarz aber, wenn er Merz als einen ‚richtigen Konservativen‘ (wie Maaßen) mit „Stil“ (nicht wie Maaßen) beschreibt.

Die Lehre aus Chemnitz ist ganz sicher nicht, Friedrich Merz zum Gut-Maaßen zu machen und die Zukunft der deutschen Parteienlandschaft und Sozialdemokratie in einem stilvollen Rechtsruck der Union zu sehen, es sei denn man wendet diese Beschreibung ironisch und versucht damit auf der Titelseite der ZEIT wieder so etwas wie Stil, kritischen Geist und politische Urteilsfähigkeit zu finden.

Über eine Antwort des Autors würden wir uns sehr freuen.

Besorgte Grüße,

Johanna Eckert  & Amin Wagner